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In unserem neuen Magazin "Hoch im Kurs" haben wir Ihnen Frau Dr. Hanan Faour vorgestellt. Leider war im Magazin einfach nicht genug Platz um ihre Geschichte zu erzählen. Hier erfahren Sie mehr:

Der lange Weg in die neue Heimat
Die VHS Detmold-Lemgo begleitet eine syrische Zahnärztin und ihre Familie bei der Integration in Deutschland.  

Die Sonne scheint über Detmold. Eine Katze streicht um die Beine. Der Garten, das kleine Einfamilienhaus im ehemaligen Briten-Viertel - die Szenerie ist idyllisch. So friedlich war es nicht immer im Leben von Dr. Hanan Faour (38). Die Zahnärztin flüchtete 2015 mit Ehemann Khalil Naffissa und drei Töchtern (damals 10, 7 und 2 Jahre alt) nach Deutschland. Es war der Höhepunkt der Flüchtlingswelle und das Ende einer Odyssee. Ihr kleiner Sohn überlebte die Flucht in das neue Leben nicht. Die Volkshochschule Detmold begleitete die Familie in Deutschland von Anbeginn an mit Sprach- und Integrationskursen. Mittlerweile ist sie Teil des beruflichen Lebens von Khalil Naffissa (heute 42). Der Sprachwissenschaftler unterrichtet nebenberuflich Arabisch am Standort Detmold und an der VHS Lage.

Rückblickend auf ihre Flucht aus Syrien über das Mittelmeer mit Stationen in der Türkei, Griechenland, Serbien, Mazedonien, Ungarn, Österreich und schließlich Ankunft in Deutschland bekennt Dr. Hanan Faour: „Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich selbst diesen gefährlichen Weg gehe. Aber wir hatten keine Chance. Deutschland war unsere einzige Hoffnung. Wenn man den Tod selbst gesehen hat ...“ Sie bricht ab, zu nah sind die traumatischen Erlebnisse in Syrien.


Das Leben in Syrien

Die Familie wohnte in Damaskus, im Stadtteil Jobar in einem Gebäude mit vier Etagen, das Faours Mann und Schwager gehörte. Faour hatte eine Praxis- und Lehrtätigkeit im zahnmedizinischen Zentrum im Gesundheitsministerium in Damaskus. „Patienten behandeln und Zahnärzte ausbilden. Meine Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Auch mein Mann hatte einen guten Job. Er hat ursprünglich englische Literatur studiert. Nach dem Tod seines Vaters, der Tierarzt war und eine Geflügelzucht betrieb, übernahm mein Mann zusammen mit seinem Bruder das Geschäft. Wir hatten ein gutes Leben mit einem guten Einkommen“, beschreibt Faour ihr Leben in Syrien bis zu dem Tag als die Bomben kamen.

Während im Zentrum der Hauptstadt Damaskus die Zerstörung vergleichsweise gering war, traf es die 300.000 Einwohner des Stadtteils Jobar besonders hart. „Egal von welcher Seite die Bomben kamen, sie landeten bei uns.“ Zu dieser Zeit war Faour mit ihrem Sohn hochschwanger. Infolge von Angst und Stress setzten die Wehen vorzeitig ein, aber die Familie konnte unter dem Bombardement das Haus nicht verlassen, um zum Krankenhaus zu kommen. „Als wir dann eintrafen und unser Sohn das Licht der Welt erblickte, war klar, dass er unter der Geburt zu wenig Sauerstoff erhalten hatte. Die Folge waren Bewegungsstörungen und die Notwendigkeit, lebenslang spezielle Behandlungen zu erhalten“, so  Hanan Faour.


Die Flucht

Zur Flucht entschloss sich die Familie, als die Bomben schließlich ganz in der Nähe des Hauses fielen. „Rund hundert Meter weit entfernt wurden unsere Nachbarn bombardiert und wir flohen. Wir haben alles da gelassen, nur den Schlüssel umgedreht und einige Wertsachen mitgenommen. Man hat gearbeitet, um sein Leben angenehm zu gestalten, schöne Möbel angeschafft. Mit der Wohnung verbinden sich unsere Erinnerungen und Erlebnisse. Die Kinder wurden dort geboren ...“, erzählt Faour und wieder bleibt ein Satz unvollendet.

Kürzlich erhielt sie ein Video von ihrer Stadt und ihrem Haus. Von den einstmals 400.000 Einwohnern lebe dort keiner mehr. Das Haus sei ebenfalls bombardiert worden und in Folge dessen komplett in sich zusammen gefallen. Das hat die Familie nicht mehr miterlebt, denn mit drei Kindern machten sich die Faours auf die Flucht – zunächst in die Türkei, dem ersten Land, auf das Dr. Hanan Faour ihre Hoffnungen gesetzt hatte.

„Der Plan war, drei Monate in der Türkei zu bleiben bis der Krieg vorbei wäre. Aus drei Monaten sind drei Jahre geworden. Alles Geld, das wir hatten, haben wir in der Türkei ausgegeben für Miete, Strom, Wasser, Auto“, so Faour. Die ersehnte Arbeit als Zahnärztin habe sie dort aber nicht aufnehmen dürfen. „Meine Ausbildung, die langen Jahre des Studiums wurden nicht anerkannt. Ich durfte nicht arbeiten.“ Und dann mangelte es auch noch an der Behandlung des Sohnes. Die passenden Medikamente und die notwendige Physiotherapie waren nicht zu bekommen. „Wir wollten zur Behandlung nach Europa fahren“, aber auch diese Hoffnung wurde zerschlagen – 4.000 Euro fehlten. Er starb in der Türkei im Alter von drei Jahren und einem Monat. „Mein Sohn hat es leider nicht geschafft,“ sagt Hanan Faour tonlos.

Als klar war, dass es für die Familie in der Türkei keine Zukunft gab, ging die Flucht weiter mit dem Schlauchboot nach Griechenland und den Rest der Strecke zu Fuß über die Landroute Serbien, Mazedonien, Ungarn, Österreich – immer mit dem Ziel Deutschland. Die ersten fünfzehn Tage auf deutschem Boden verbrachte Hanan Faour in einem Flüchtlingslager in Lippstadt. Von Lippstadt wurde die Familie nach Extertal-Bösingfeld in die Bruchstraße 10 verwiesen. „Wir bezogen eine Wohnung zusammen mit einer anderen Familie. Dort haben wir ein Jahr gewohnt“, so Faour. „Ein Flüchtling zu sein, ist sehr hart. Im Lager waren wir NUR Flüchtlinge, eine Nummer. Das war besonders schlimm für meine Kinder.“


Die Kinder und ihre neue Heimat Deutschland

Auch die Odyssee der Flucht mit dem Gefühl von Heimatverlust habe die Kinder hart getroffen. „Die
10jährige ging in Syrien in die Kita und absolvierte die ersten beiden Klassen auf Arabisch, dann die dritte und vierte Klasse in der Türkei auf Türkisch. In Deutschland ab der fünften Klasse war der Unterricht für sie in Deutsch. Die Mittlere absolvierte die ersten beiden Klassen in der Türkei auf Türkisch, weiter in Deutschland. Sie kann Deutsch gut schreiben und lesen, hat aber Arabisch verlernt und fragt mich: Mama, warum ist eure Sprache so schwer?

Zuhause wird bei uns Arabisch gesprochen, außer Haus nur Deutsch. Arabisch ist in der Tat eine sehr schwere Sprache verbunden mit einer anderen Schrift. Wir schreiben von rechts nach links und schlagen entsprechend ein Buch auch von rechts auf. Unsere Kleinste ist in Istanbul geboren. Sie kennt Syrien überhaupt nicht und fragte mich kürzlich: Warum machst Du das Buch verkehrt herum auf?

Wir sind während unserer Flucht in der Türkei  auch viel umgezogen. Das bedeutete für die Kinder jeweils eine andere Schule, andere Wohnung. In Detmold sind sie nun Zuhause“, so Faour, die sich an die Bitte ihrer Ältesten erinnert: „Mama, bitte nicht noch einmal umziehen. Ich kann das nicht mehr“. Für alle drei Kinder wünscht sich Dr. Hanan Faour eine gute Ausbildung. Der Grundstock dafür ist der Besuch des Gymnasiums, aber außer der Jüngsten wolle zu ihrem Leidwesen keine der anderen Töchter in ihre beruflichen Fußstapfen als Zahnärztin treten.


Der lange
Weg zurück in den Beruf

Bereits in Bösingfeld beginnt Dr. Hanan Faour in ihren Beruf als Zahnärztin zurückzukehren. Es ist ein langer Weg auf dem die VHS Detmold-Lemgo sie unterstützt. Neben Integrations- und Berufssprachkursen hospitierte sie bei dem Bösingfelder Zahnarzt Nabil Sayaf. Ihre Aufgabe dort: zuschauen und zuhören wie die deutschen Patienten sprechen. „Die Menschen benutzen Worte, die wir nicht in der Schule gelernt haben“, lacht sie und bringt das typisch lippische Beispiel Wo kommst du wech? „Ich musste umdenken und lernen, die Umgangssprache der Menschen hier zu verstehen.“ Dankbar für privaten Sprach-Unterricht in Deutsch ist sie heute noch den Bösingfelder Eheleute Uschi und Rudolf Köller.

Der Weg zur Anerkennung als Zahnärztin in Deutschland ist für Dr. Hanan Faour hart. Er begann im Extertal mit der Hospitation. Faour durfte assistieren, nicht behandeln. Sie war die Hilfe der
Zahnarzthelferin. „Wenn ich am Stuhl assistierte, acht  Monate lang kostenlos, fragte ich mich: Wo
war ich in Syrien und wo bin ich jetzt? Und dann kam noch die fremde Sprache. Es war sehr schwer. Manchmal kamen mir die Tränen“, gesteht sie. 

Trotzdem geht sie weiter ihren Weg. Ihr Ziel: eine Berufserlaubnis von der Zahnärztekammer zu erhalten und ihren syrischen Doktortitel in Deutschland anerkennen zu lassen. Auf diesem begleitetet sie auch die VHS Detmold-Lemgo. 2018 besucht Dr. Faour an der VHS den Fachsprachkurs für Zahnmediziner*innen und absolviert erfolgreich die Fachsprachprüfung – so kann sie im Rahmen einer befristeten Berufserlaubnis 1,5 Jahre als Zahnärztin in Lemgo arbeiten.

Diese ist mittlerweile erloschen und die nächste Hürde für Dr. Hanan Faour steht an: Sie muss ihre Approbationsprüfung für Deutschland machen. Der erste Versuch bei der Zahnärztekammer in Münster ging schief – zwei Versuche hat sie noch.

Wenn sie die Prüfung schafft, warten weitere zwei Jahre Assistenzzeit auf sie bevor sie die ersehnte eigene Praxis eröffnen darf. Auch ihre Spezialisierung in Parodontologie möchte sie nochmals ablegen. „Es ist ein langer Weg, aber es ist eine Chance. Ich habe ein Ziel“, sagt Faour. Außerdem habe sie eine Entscheidung getroffen: „Wir werden nicht zurück nach Syrien gehen. Meine Kleinste spricht besser Deutsch als Arabisch. Und wir alle haben hier gespürt, wie sich gelebte Demokratie anfühlt. Das ist ein Gefühl wie ein Vogel, der aus seinem Käfig entkommt und den weiten
Himmel, die Freiheit spürt. Da gibt es kein Zurück.“

 

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Hanan Faours Bitte an die Poltik

„Es liegt mir am Herzen, dass es ein bisschen weniger Bürokratie gibt. Die Menschen, die arbeiten wollen, sollten darin unterstützt werden. Ich bin seit einem Jahr arbeitslos. Ich hatte eine Stellenzusage in Detmold, darf aber nicht arbeiten, weil ich auf den Termin zur Anerkennung meiner Approbation warte. Vielleicht könnte man diese bürokratischen Abläufe insgesamt ein bisschen beschleunigen. Es ist besser für uns und für Deutschland.

Hier in Deutschland kommen auch viele nicht ausgebildete Menschen aus fremden Ländern an. Man verlangt von diesen Menschen, dass sie sehr gut Deutsch lernen, damit sie arbeiten können. Ich weiß, dass einige unserer Landsleute bereits in Syrien die Schule nur bis zur neunten Klasse durchliefen und Lernschwierigkeiten haben. Sie wollen hier arbeiten, dürfen es aber erst, wenn sie gut Deutsch
sprechen. Ihnen sollte man neben Sprachkursen auch Praktika anbieten – für das "Learning by doing". In Schweden, wo die Brüder meines Mannes leben, läuft das so. Sie haben dort ein sechsmonatiges Praktikum gemacht und arbeiten jetzt in Vollzeit, obwohl ihr Schwedisch nicht perfekt ist.“


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