Plätze frei
| Kursnr. | 262-D2460 |
| Beginn | Mo., 05.10.2026, 19:00 - 21:15 Uhr |
| Dauer | 1x, abends |
| Anmeldeschluss | 26.09.2026 |
| Kursleitung(en) | Michael Wiersing Sudau |
| Kursort | Detmold, VHS, Vortragsraum |
| Gebühr | 6,00 € (erm. 3,00 €) |
Bekannt ist er vor allem für seine Wortspiele, Kalauer und Schüttelreime, stellt der französische wikipedia-Eintrag über Boby Lapointe fest. Wahrscheinlich der größte Humorist – ohne dabei niveaulos zu sein – von den Chansonniers, entfaltet sich sein Talent auf Grundlage meist einfacher Situationen und Texte. Eher eine Randerscheinung zu Lebzeiten, erlebte Lapointe später zwei fulminante Auferstehungen, die ihn in den Olymp der bekannten Sänger Frankreichs brachten – und seine Texte in französische Schulen, wo man seine Wort-Akrobatik bei der Sprach-Analyse schätzt.
Die Texte von Boby Lapointe sind teils relativ einfach. Alle Teilnehmer bekommen die Originaltexte und für diesen Abend von allen Liedern entstandene Übersetzungen ausgedruckt zum Lesen und Mitnehmen. Französische Sprachkenntnisse sind vorteilhaft, aber nicht nötig, um die Lieder zu genießen. Wer allein Lust auf die Musikalität der Sprache hat, ist hochwillkommen – und bringt idealerweise jede Menge Neugier auf witzige Kompositionen mit ! Die Lieder werden erläutert. Anmeldung erbeten bis 10 Tage vor Stattfinden der Veranstaltung.
Interview mit dem Moderator des Abends, Michael Wiersing Sudau:
"Boby" - das klingt britisch und nicht französisch, oder ? Ein anglisierter Kosename, in Westeuropa typisch schon vor 100 Jahren, als Robert Lapointe 1922 geboren wurde. Er stammt aus Pézenas, Südfrankreich, 20 Kilometer von Bézier und dem Meer entfernt. Sein Vater betrieb einen Handel für Pflanzenschutzmittel, war bürgerlich, engagiert, kreativ; er hatte eine große Sammlung von Instrumenten. Zwei Dinge waren in der Familie verankert: Das Interesse an französischer Sprache und Mathematik. Am Abendbrottisch hat man – das war die Zeit vor Fernsehen und Internet – oft zwei bis drei Stunden gemeinsam Sprachgebrauch und mathematische Probleme diskutiert. Von Boby Lapointe wird gesagt, dass er schon im Alter von 5 Jahren allein vom Klang von Wörtern begeistert war. Er hat Mathematik in Montpellier studiert, wurde dann von den Nazis zum Arbeitsdienst in Österreich gezwungen. Wo er desertierte und – mit viel Glück – wieder nach Hause zurückkehrte, und dort versteckt wurde. Nach dem Krieg hat er sowohl als Taucher gearbeitet, als auch als Installateur von Antennen, auf Dächern – also ganz unten und ganz oben. 1951 geht er nach Paris, wo er sein Glück mit Liedtexten versuchen will.
Sein Traum war, dass seine Texte andere singen, idealerweise Sängerinnen. Dass er selbst seine Texte interpretiert hat, war eine Notlösung. Ein Paradox ist meinem Eindruck nach die sehr unterschiedliche Natur, die Boby Lapointe an den Tag gelegt hat: Einerseits, im persönlichen Umfeld, äußerst beliebt und selbstsicher, andererseits parallel, auf der Bühne, lange als Interpret völlig überfordert. Da sind Dinge, die nicht zueinander passen – ein hohes Sprachgefühl, doch gleichzeitig massive Schwierigkeiten, seinen Rhythmus der musikalischen Begleitung anzupassen. Er hat oft Einsätze verpasst, aufeinander aufbauende Strophen vertauscht oder unbewusst wiederholt. Von der Bühnenpräsenz her muss er ein klägliches Bild abgegeben haben, übergebeugt, unsicher. In einem Interview hat er später gesagt: "Écrire des choses drôles m'amusait énormément, mais les chanter moi-même ne me faisait plus rire de tout" (Witziges zu schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber es selbst zu singen, fand ich gar nicht lustig). Eine Zeit lang galt er auch als Avantgardist, als Sänger für Intellektuelle – eine Menge Zuhörer haben ihn nicht verstanden.
Wie ist er dennoch zur Referenz geworden ? Boby ist nicht nur in Autounfälle geraten, sondern hat welche provoziert. Er wird eine lebenslange Lust an Dingen gehabt haben, die eher kindisch sind – wozu ja verantwortungsloses Fahren gehört, weil man sich an der Schnelligkeit und wohl auch dem Risiko berauscht. Sicher ist, dass – wäre er nicht der Mensch gewesen, der er war – wir nicht die Lieder hätten, für die er geliebt wird. Da schlüpft er eben unter anderem in die Rolle als Kind. Charakteristisch ist die Auseinandersetzung mit Sprache, wie sie Erwachsenen meist abtrainiert ist. Boby Lapointe pflegt Sprachwitz, was sich vielleicht im Französischen eher anbietet, als in anderen Sprachen. Der Laut "o" kann, zum Beispiel, als "au", "eau", "ho", "oh" oder auch nur als "o" unterschiedlich ausgeschrieben und gedeutet werden. Sein Wissen der Mathematik war hilfreich, da geht es ja auch um das Zerlegen von Inhalten bis auf ihren Kern. Er hat sogar ein mathematisches System erfunden, das wissenschaftliche Auseinandersetzung erfahren hat, und die Trennung und Unterschiede zwischen Poesie und Mathematik aufhebt; in eines seiner Lieder hat er es quasi übersetzt. Ob Zahlen, Striche oder Silben – es geht um Elemente, um deren Wert. Das Charmante an Bobys Liedern ist, dass man das alles nicht wissen muss. Im "Badezimmer-Lied" gibt es zum Beispiel eine zweite Stimme. Beide Stimmen singt er, singt mit sich selbst ein Duo, das ist genial. Auch die Musik passt – zwischen Blaskapelle, Jahrmarkt und Zeichentrickfilm – was das Erlebnis noch verstärkt.
Angesichts des Sprachwitzes – wie leicht ist die Übersetzung seiner Texte ins Deutsche ? Übersetzungen sind immer Versuche einer Schadensbegrenzung. Mal kann man das schon Wort für Wort, dann wieder nur sinngemäß, damit der Text im Deutschen verständlich ist. Bei Lapointe kann man nicht dolmetschen, falls der Reiz auf Wörtern beruht, die im Französischen ähnlich klingen, ohne etwas miteinander zu tun zu haben. Das Paradebeispiel dafür ist "L’été où est-il ?" (Wo bleibt der Sommer ?), in dem ein kleiner Junge auf die Fee trifft, welche ihm einen Wunsch erfüllen möchte. Er wünscht sich gutes Wetter. Er bittet: "Qu'il fasse avant la St Jean bon", sie wiederholt – zusammengezogen in einem Wort – nur die letzten beiden Wörter seines Satzes, die sie zudem missverstanden hat: "jambon". Er wünscht sich also, dass es noch vor dem Johannistag schönes Wetter gibt, sie antwortet ihm mit 'Schinken'. Oder es geht um gleiche Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen. Sie teilt ihm mit: "Ton joli souhait m'a beaucoup plu" (Dein schöner Wunsch hat mir sehr gefallen), er wiederholt "beaucoup plu", meint damit aber, dass es zuletzt viel geregnet hat; beide Formulierungen – gefallen und eine Vergangenheit des Verbs 'regnen' – werden im Französischen gleich geschrieben und ausgesprochen. Wie bei "Willkommen bei den Sch’tis" ist das für Ausländer technisch nachvollziehbar und mit Hintergrundwissen witzig; doch die Mehrzahl seiner Lieder ist unkompliziert, tragikomisch oder komisch – sie macht auch dann Spaß, wenn man sie allein dank Erläuterungen versteht.
Boby Lapointes Durchbruch kam spät. So spät, dass er schon tot war, mit gerade 50 Jahren. Noch in späteren Jahren hat er sich als Lagerarbeiter bei "Philips" verdingen müssen, hat sich Geld von befreundeten Sängern geliehen – übrigens von Georges Brassens und Joe Dessain, die ihn beide sehr schätzten. Der posthume Erfolg kam unvorhergesehen, als nämlich seine Plattenfirma darauf stieß, dass eine Musiklehrerin seine Chansons Kindern beibrachte. Er hat kein großes Œuvre hinterlassen – nur gut 60 Lieder – aber deren Neuveröffentlichung war dann kommerziell und künstlerisch so erfolgreich, dass er heute einen festen Platz unter den ganz Großen französischsprachiger Lieder innehat. Er hat in seinen Liedern unverwechselbar Spielereien mit Sprache auf die Spitze getrieben, gehört zur Standardliteratur von jedem, der Ambitionen in diesem Beruf verfolgt. Seine Lieder sind teils wohl kaum imitierbar, doch einige gehören zum Repertoire. Sein Stil sticht – und das ist der entscheidende Punkt – deutlich heraus; alle anderen Interpreten sind dagegen fast schon seriös, gesetzter. Boby Lapointe ist – bis heute – das Kind voll teilweise überdrehter Lebenslust, der Erwachsene mit kindlichem Gemüt. Und eine Einladung an uns, die Dinge mal so zu betrachten.
In Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Detmold
Vortragsraum
Krumme Str. 2032756 Detmold
